Das Verständnis für Produktivität ist vielfach veraltet. Der klassische und heute noch übliche Ansatz Produktivität zu optimieren und stammt aus den Anfängen der Industrialisierung und bezieht sich auf manuelle sprich handwerkliche Tätigkeiten. Die Verhältnisse haben sich zwischenzeitlich grundlegend geändert, der Anteil der handwerklichen Arbeiten nimmt ab, die Automatisierung nimmt zu. Vor allem aber leisten heute viel mehr Menschen geistige Arbeit als in der Vergangenheit. Die üblichen Ansätze der Produktivitätssteigerung werden dem nicht mehr gerecht, im Gegenteil sie sind kontraproduktiv. Ein Umdenken und vor allem eine andere Herangehensweise sind nun angesagt.
Zu Beginn der Industrialisierung und mit Einführung der Fleißbandarbeit wurden Arbeitsprozesse standardisiert und in gleichförmige, immer wiederkehrende Teilschritte zerlegt. Die Formel für die Optimierung der Produktivität gestaltete sich im Grunde ziemlich einfach:
“Design d. Arbeitsschritte x korrekte Ausführung x Anzahl d. geleisteten Arbeitseinheiten
= höhere Produktivität.”
Produktivität wird hier implizit als „Stückzahl“ verstanden. Einfach ausgedrückt, je mehr Arbeitseinheiten (Stunden) & Arbeitsschritte abgeleistet werden, desto mehr „Stücke „ wird pro erhält man. In gewissen Teilbereichen, wie z.B. im Montagebetrieb eines Automobilherstellers, gilt das im Grunde heute noch. Für geistige Arbeit ist dieser Ansatz jedoch grundfalsch! Dessen ungeachtet wird werden Mitarbeit die geistige Arbeit leisten noch häufig nach derartigen Kriterien von ihren Vorgesetzten beurteilt. Auch die betroffenen Mitarbeiter versuchen in der Regel Ihren Output nach dieser Vorgehensweise zu optimieren. Ganz nach dem bewährten Motto „mehr Arbeit, also mehr Stunden, damit mehr Ergebnis“. Zeitaufwand in Verbindung mit Zeitmanagement & Arbeitsmethodik sollen das auf wundersame Weise irgendwie bewirken. Das ist nicht nur naiv sondern im höchsten Maße kontraproduktiv. Das kann gar nicht funktionieren, da geistige Arbeit auf ganz anderen Elementen beruht und anderen Rahmenbedingungen unterworfen ist. Sehen wir uns das genauer an:
Manuelle Arbeit:
- Typische Anwendung: Montage- und Produktionstätigkeiten in Industrieunternehmen.
- Merkmale: Standardisierte Abläufe, die sich im Detail immer wieder mit – idealerweise – minimalsten Varianzen wiederholen. Der Arbeitsablauf ist linear.
- Wesentliche Engpassfaktoren: Materialfluss, Maschinenkapazität, Manpower.
- Das Ergebnis ist eine „Hardware“; alle produzierten Stücke sind in definierter Weise gleich. Produktivität ist hier in Stücken zählbar (quantitativ!).
Geistige Arbeit:
- Typische Anwendung: Groß- und Kleinunternehmen. Wissenschaft, Forschung & Entwicklung, Planung & Organisation, Design.
- Merkmale:
Nachdenken, forschen, tüfteln, planen, organisieren, kommunizieren, abstimmen, verhandeln, beraten, experimentieren. - Wesentliche Engpassfaktoren:
Kreativität, geistige Kapazität, Fortschritte, experimentelle Rückschläge, geistige Schleifen, Fachwissen. - Diese Art von Arbeitsprozessen ist nicht linear. Das Ergebnis ist hier vor allem qualitativer Natur und eben nicht in Stückzahlen zählbar. Die Qualität eines Gedankens, einer Idee kann über Wohl- und Wehe eines Projekts oder eines Unternehmens entscheiden.
Jeder der selbst Erfahrungen auf beiden Gebieten hat wird die Richtigkeit des obigen Vergleichs bestätigen. Daraus folgt aber auch, dass es verschiedene Arten der Produktivität gibt, die auf unterschiedliche Art & Weise gemessen und optimiert werden muss. Bei geistiger Arbeit ist der berühmte und in der Praxis allgegenwärtige „mehr vom selben-Ansatz“ geradezu unsinnig. Du kannst nicht schneller oder mehr denken bzw. schneller kreativ sein, auch wenn das viele Vorgesetzte unter Berufung auf hierarchische Unterschiede gerne so proklamieren. Das ist nicht nur Blödsinn in Reinkultur, sondern sogar produktivitätsmindernd! Leute die geistige Arbeit leisten sind in der Regel eher teurere Mitarbeiter und der Leistungsdruck ist demzufolge entsprechend hoch. Mit mehr Arbeit, sprich geleisteten Arbeitsstunden wirst du dem aber nicht gerecht. In verschiedenen Studien wurde belegt, dass mit der Anzahl der Arbeitsstunden die Fehlerhäufigkeit zunimmt, und die Produktivtät damit in den Keller geht. Nach. 8 Stunden geistiger Arbeit steigt die Fehlerquote um ca. 20-25 %. Nach 10 Arbeitsstunden klettert die Fehlerquote bis auf 30 %. Von Produktivitätssteigerung kann da keine Rede sein.
12 Methoden & Ansätze zur Produktivitätssteigerung für geistige Arbeit
- Akzeptiere dass du nicht jeden Tag gleichermaßen produktiv sein kannst. Geistige Arbeit verläuft nun mal nicht konstant, sondern in Wellen, Schüben, Schleifen etc.
- Wenn mal nichts geht, dann geh auch mal früher nach Hause. Dein Unterbewusstsein arbeitet im Hintergrund weiter. Plane daher auch gezielt Pausen ein und genieße sie. Erholung ist nur die andere Seite von geistiger Produktivität.
- Gehe positiv an die Aufgabe heran und glaube an dich selbst.
- Rückschläge sind kein Weltuntergang, sondern gerade bei geistiger Arbeit etwas ganz normales. In solchen Fällen gilt, tief durchatmen, Ursachenforschung betrieben, Schlüsse daraus ziehen, und entsprechend weitermachen.
- Setz dich nicht selbst unter Druck und lass dich auch nicht unter Druck setzten.
Weniger Druck = mehr Kreativität. - Fülle deinen Terminkalender nicht zu 100 % mit Aktivitäten, sonder plane Zeit zum Nachdenken & kreativen Arbeiten ein. Darum musst du manchmal auch kämpfen.
- Eliminiere währenddessen Störfaktoren, kümmere dich nicht um E-Mails, stell dein Telefon um, entferne alle anderen Vorgänge von deinem Arbeitstisch.
- Wenn deine Arbeit dich zu sehr belastet, stimmt etwas nicht. Möglicherweise ist der Zeitplan utopisch oder die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Vielleicht bist du auch am falschen Platz. In jedem Falle hast du Bedarf darüber nachzudenken und Maßnahmen einzuleiten.
- Arbeit sollte auch Spaß machen, dann stellen sich Erfolge auch ein. Wenn du dich jeden Morgen überwinden musst um da hinzugehen, dann solltest du versuchen die Notbremse zu ziehen.
- Versuche nicht durch mehr Arbeitsstunden mehr Ergebnis zu erzielen. Das gibt zwar viel Stress und Action, aber nur wenig Ergebnis.
- Definiere das Ziel (= das erwartete Ergebnis) deiner jeweiligen Aufgabe so genau wie nur möglich bevor du dich und andere in hektische Aktivitäten stürzt. Wenn deine Vorgesetzten oder Kunden später den Kurs ändern musst du die Zielvorgabe und die benötigten Ressourcen erneut abstimmen.
- Zeitmanagement & Arbeitsmethodik haben gerade bei geistiger Arbeit Ihre Berechtigung, ja sie sind ein wirkliches „muss“. Keinesfalls können Sie jedoch falsche Rahmenbedingungen wie zu wenig, oder zu schlechte Ausrüstung, sonstige mangelhafte Arbeitsbedingungen, oder unrealistische Zeitvorgaben kompensieren. Übe auch das Nein-Sagen, setzte dir klare Prioritäten und vereinbare diese mit deinen Vorgesetzten.
Das wesentlliche Ergebnis geistiger Arbeit ist Qualität. Qualität ist zwar nicht alles, aber ohne Qualitat ist alles nichts. Mehr Aktivität hilft da nur selten weiter.
Juli 9th, 2011 um 12:52 pm
Hallo Tino,
deser Artikel ist wirklich interessant! Ich denke, was Du da ansprichst kann auch mit immer steigender Spezialisierung assoziiert werden, auch und gerade auf geistigem Gebiet. Die Spezialisierung muß zunehmen, weil das Wissen auf jedem einzelnen Spezialgebiet explodiert. Gegeben die Endlichkeit unseres Gehirns, außerdem gegeben, daß sich unser Gehirn seit Generationen nicht mit dem gleichen Tempo vergrößert hat, wie die Spezialgebiete. Daraus folgt, daß ein jeder nur kleine und kleinere geistige Häppchen bekommt. Wenn trotzdem alle zusammen arbeiten sollen, dann müssen sie in Ihrem Gebiet bleiben und bei der Zusamenarbeit gut geführt werden.
Insofern ist da kein Unterschied von körperlicher zu geistiger Arbeit.
Mit freundlichen Grüßen, Gero